»Zelt«
Für „Zelt” hat Reiter sämtliche Flächen eines schlichten Zweimannzeltes fotografiert, in Originalgröße ausgedruckt und über einem Holzlattengerüst wieder zu einer Zeltform gefügt. Ein solches Vorgehen ist sonst zur Kaschierung der Sanierungsarbeiten an Gebäuden von großem öffentlichen Interesse üblich, wobei man sich in der Regel auf eine Schauseite beschränkt, wie zeitweilig beim Berliner Schloß. Bei Reiter indes ist das gesamte vormalige Gebilde betroffen, das zudem nicht von fotografischen Kaschierungen bedeckt, sondern aus Substituten zusammengesetzt wird; sodann kongruieren die fotografierten Sujets, also Zeltbahnen aus Stoff, wesentlich stärker mit den flachen Fotoausdrucken, als es etwa bei der fotografisch substituierten Fassade eines venezianischen Palastes der Fall wäre. Hinzu kommt, daß das dargestellte Material (dichter, textiler Stoff) dem des Bildträgers (plastifiziertes Vlies) bezüglich der Dicke, des Gewichts sowie statischer Eigenschaften viel ähnlicher ist, als es bei steinerner Architektur der Fall wäre. Das erhöht zwar prinzipiell die Plausibilität des Substituts (das bei erneuter Abbildung im Katalog beispielsweise nur schwer als solches identifizierbar ist), scheint es aber auch zu erübrigen, so daß die ganze Unternehmung etwas von einer Eulenspiegelei hat.
Nun fotografierte Reiter die Zeltflächen nicht neutral, also ‘an sich’, sondern mit den Schlagschatten von Bäumen, die in der Nähe des echten Zeltes gestanden haben müssen und inklusive jener Falten, die sich aus dem Durchhängen der Stoffbahnen sowie mangelhaften Aufspannungen des Zeltes ergaben. Beides wirkt an dem aus Substituten gefügten „Zelt” im Ausstellungsraum verfremdend, nämlich im Falle der Falten auf materialiter flachem Grund als Trompe-l’œil und im Falle der Schlagschatten als surreal-hinterszenisch, zumal nichts im Raum anwesend ist, das diese Schatten werfen könnte.
Da hier also mit Tricks und Täuschungen, bei den ‘Schlagschatten’ nahezu mit einer ‘Wirkung ohne Ursache’ gearbeitet wird, könnte man meinen, eher dem Gegenteil der Programmatik von „Material und Wirkung” konfrontiert zu sein. Vergleicht man Reiters „Zelt” indes Martin Hohnerts „Foto” (1993), wo eine ebenfalls vollplastische Installation - nun allerdings in Nachahmung der Lichtverhältnisse einer sujetgebenden Fotografie - Schlag- und Körperschatten trägt, so wird deutlich, inwiefern Reiters Vorgehen völlig anders motiviert ist: nämlich systematisch, in regelhaft selbstauferlegter Mimesis an Normmaße eines handelsüblichen Gebrauchsgegenstandes. Auch, daß er dafür einen aus weitgehend planen Flächen gebildeten, mithin gut durch Fotografien substituierbaren Körper nimmt, unterscheidet ihn von Honert, der ja mit Bedacht das schwierige Sujet eines Knaben am Tisch wählt und die Unstimmigkeiten zwischen plastischer Installation und pseudofotografischer Oberfläche von vorneherein provoziert.
Als Pointe wäre daher vielmehr festzuhalten, daß Reiters Experimentum crucis soweit als möglich auf die erfolgversprechende Rekonstruktion des echten Zeltes zielt, um gerade die verbleibende kleine - und eben daher interessante - Differenz zu diesem anschaulich zu machen.
