»SWINGING GEOMETRY«
Drei aus schwarzen, annähernd strichdünnen Karbon-Röhrchen gebildete Quadrate von je 100 cm x 100 cm sind über einen hindurch geführten stabilen Nylonfaden so miteinander verbunden, dass sie in den Ecken beweglich sind. Die Quadrate hängen über unregelmäßig verteilte Nägelchen an der Wand und können bewegt werden, wodurch sich die Quadrate in Rhomben verwandeln oder zu nie gesehenen geometrischen Formen verändern. Wird die ganze Wand mit Nägelchen bespickt, kann das Gebilde über die Wand fortbewegt werden, wobei es sich fortwährend verändert. Während man damit spielt, springen die Röhrchen manchmal unvermutet in den Raum.
Die so einfach erscheinende Arbeit hat viele Dimensionen, die in der Kunst wichtig waren und sind. Die Variabilität des Kunstwerks war eine Erfindung der 60er Jahre, die sich gegen die als autoritär empfundene Abgeschlossenheit und Starrheit des Kunstwerks (die herkömmliche Gestalt einer Skulptur, den Rahmen als Gefängnis eines Gemäldes) wandte. Wie die Gesellschaft und die Individuen selber, so sollte auch die Kunst veränderlich sein. Diese Veränderlichkeit war aber nicht als die eines Naturprozesses gedacht, sondern sie sollte eine Veränderbarkeit durch das Publikum selber sein, das damit am Entstehungsprozess von Kunst nicht mehr nur betrachtend, sondern handelnd teilnahm (Partizipation).
Auch Reiters Kunstgebilde ist nie abgeschlossen, immer fortsetzbar und damit tendenziell endlos. Es besteht in einem Verwandlungsprozess, d.h. einer Bewegung - was besonders dann ins Auge springt, wenn sich das Gebilde über alle Wände fortbewegt. Die Arbeit nimmt auch in beiläufiger Art ein altes Thema der Kunst auf: wie gelangt man von der Wandfläche (der ehemaligen Bildfläche) in den Realraum. Durch sein eigenes Gewicht springt das Gebilde unerwartet in den Raum. Ein Objekt, das zuerst auf der Wand wie eine Zeichung anmutet, entfaltet sich zu einer Skulptur. Bei der laufenden Veränderung des Gebildes entstehen manchmal Formen, die man „Fehlformen” nennen könnte, weil sie unsere ästhetischen Vorstellungen zuwider laufen. Das hat eine Ähnlichkeit im Fotografieren: fotografiert man z.B. Personen mit erhobener Kamera, ohne durch das Objektiv zu blicken und damit, ohne Auswahlentscheidungen zu treffen, entstehen oft Fotos, auf denen die Personen ungewohnt verzerrt aussehen, d.h. Gesichter schneiden, die wir nicht kennen, nicht zu deuten wissen und nicht mögen, bloße muskuläre Veränderungen zwischen zwei bekannten Mienen, nichtssagende, höchstens komische Fotos, die wir als hässlich aussortieren. Wenn also solche „Fehlformen” entstehen, die man sofort als hässlich empfindet, wird bewusst, dass man durch ihre Aussonderung eine Entscheidung im Sinne des guten Geschmacks getroffen hat, den gute Kunst bekanntlich stets zu attackieren oder zu unterwandern sucht, wenn es ihr darum geht, ästhetische Regeln zu brechen und eine bloß dekorative Wirkung zu vermeiden. Man wird sich beim Spielen bewusst, dass man sich innerhalb der gesellschaftlichen geltenden ästhetischen Normen bewegt bzw. diese überschreitet, wenn man eine „Fehlform” für gültig hält. „Swinging Geometrie” ist auch gegen die Starrheit der Geometrie gerichtet, die uns in Architektur und Technik umgibt und unser Leben beherrscht. Damit ist ein großes Thema angeschlagen. In dieselbe Richtung geht das locker gebundene, anmutigen Schleifchen, zu denen die beiden Fäden am Ende zusammengebunden sind. Schleifchen gelten als willkürlich und weiblich, (Männer machen feste Knoten und würden diese den Schleifen auch beim Zubinden der Schuhe vorziehen, wenn sie sie nicht selber wieder aufknüpfen müssten.) Als universales Prinzip gilt Geometrie als konstruktiv, berechenbar und männlich. Schleifen sind provisorisch, weil sie wieder gelöst werden können, sie wirken improvisiert, Geometrie erstarrt in der Regel zu endgültigen Formen. Hier nicht.
Burkhard Brunn
