»o.T.«
Die Folienbahnen, die Michael Reiter in der kleinen Kirche von Florstadt in Höhe der Säulenkapitelle zwischen Kirchengestühl und Empore gezogen hat, bilden ein durchsichtiges Gespinst. Das einfallende Licht gleitet wie über ein Spinnennetz in der Sonne. Zum ersten Mal arbeitet der Künstler mit durchsichtigem Material. Zuvor waren seine luftigen Verspan-nungen mehr- oder einfarbig, oft hellgrün. Nun materialisiert sich das Licht in der transparenten Folie. Es nistet an dieser oder jener Stelle oder huscht, wenn der Betrachter sich bewegt, über die Kanten der Folienbahnen. Die Leichtigkeit und das Vorübergehende verleihen der Konstruktion ihre besondere Anmut. Faszinierend an Reiters Kunst ist die Schwerelosigkeit. Manche seiner Gebilde aus farbigen Bändern und Verstrebungen, deren Zartheit mit Zelten, Schirmen, Papierdrachen und den frühen Flugmaschinen eine Familienähnlichkeit hat, erinnern an Schmetterlinge, die nur leicht und vorübergehend an der Wand haften, um sich bald mit dem Wind davon tragen zu lassen. Fliegen. Mit der Loslösung von der Erdenschwere verbinden wir das Gefühl von Freiheit. Das kann man nicht nur in der Luft, sondern auch im Wasser erfahren. Die Befreiung von der Erdenschwere ist der Bezug von Reiters Arbeit zum Wasser - das Thema des mehrteiligen Projekts. Aber er ist so indirekt, dass der Künstler zögerte, sich zu beteiligen.
Und was hat seine Installation mit dem Ort zu tun, mit dieser Kirche? Auch hier ist der Bezug nicht direkt, aber er besteht doch im Allgemeinen. Die Kirchenbauten der Hochgotik waren - verglichen mit den erdschweren Kirchen der Romanik - lichtdurchflutet, transparent, die Mauermassen aufgelöst und entmaterialisiert. Die Turmspitzen wurden filigran und lösten sich in den Himmel auf. Die mittelalterlichen Menschen sahen in der Entmaterialisierung eine Vergeistigung - die Loslösung vom Irdischen, die Befreiung aus dem „Jammertal”. Die Schwerelosigkeit und Durchsichtigkeit von Reiters Installation, die Assoziation des Schwebens, sei es in der Luft, sei es im Wasser, kann an diese alte christliche Vorstellung erinnern.
Was ihr Verhältnis zur Architektur überhaupt anlangt, so gibt es für Reiters Verspannungen zwei Extreme: entweder die Bänder werden wider die Architektur gezogen - willkürlich kreuz und quer. Sie ähneln dann den schnellen - gestischen - Pinselschwüngen der informellen Malerei und streichen - so gesehen - die Geometrie der Architektur aus. Die Installation ist dann sehr subjektiv. Oder die Bänder passen sich der Architektur an und folgen dem objektiven Code der Geometrie. Zwischen diesen Extremen gibt es viele Möglichkeiten.
Die leichte, durchsichtige Installation in der kleinen Kirche und die Merkwürdigkeit, dass der Künstler sein ganzes Material in einer Tasche transportiert, lässt daran denken, dass der Zauber bald wieder vorbei ist: es geht ähnlich wie im Zirkus, im Theater, im Konzert oder beim Feuerwerk um die kostbaren Augenblicke. Was bleibt, ist nicht ein weiterer, dicker, sperriger Gegenstand in der schon voll gestellten Welt, sondern eine heitere Erinnerung.
Michael Reiter kommt von der Malerei, hat sich aber schon lange von ihr gelöst. Die farbigen Bänder erinnern an die ehemalige Leinwand, die er über den Keilrahmen spannte, und die Verspannung der Bänder erinnert an die Spannung der Leinwand. Nach dem Pinsel war sein Hauptwerkzeug die Nähmaschine, mit der er farbige Stoffe zu großen Tableaus aneinander nähte, die an der Wand hingen. Mit den Bändern verließ er die Wand (und damit endgültig die Malerei) und zieht nun die Farbe (und hier das Licht selber) quer durch den Raum. Alle Arbeiten haben mit Spannung zu tun, einer fundamentalen Dimension von Sport, Technik, Architektur, Literatur, menschlichen Beziehungen - und Kunst. Spannung ist immer riskant, sie kann zusammenbrechen. Der Drahtseilakt gilt als Metapher für das Riskante. Mit dem Provisorischen, Vorübergehenden, Mobilen, Schwebenden treffen Reiters Arbeiten unser Zeitgefühl: vieles ist prekär.
Burkhard Brunn
