Schlagworte: Ausstellung
Jahr: 2006

»344 Yds«

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  • Polyesterbänder, Edelstahlseile
  • 150 x 600 x 700 cm
  • »abstract art now
  • strictly geometrical?«
  • Wilhelm-Hack-Museum
  • Ludwigshafen
  • 30.07.-24.09.2006

Generationsbedingt wie mental gehört Michael Reiter zu denen, die zur konstruktiv-konkreten Kunst bzw. zur geometrischen Abstraktion ein ambivalentes Verhältnis pflegen. Da ist zum einen die Tradition der Ironisierung, mit der von Morellet bis Armleder auf eine längst scholastisch und dogmatisch wirkende interne Differenzierung der Konstruktiv-Konkreten reagiert wird. Da ist zum anderen jene  Entsublimierung der Bildmittel, die letztlich aus der Realkunst-Erfahrung resultierte. Realkunst hieß Ende der 1970er Jahre, das unfreiwillig Kunstähnliche an alltäglichen Konstellationen und Situationen zu bemerken, zu markieren oder auch zu dokumentieren. Wenn aber Baustellenabsperrungen wirken konnten ‘wie’ Kunst, dann lag es auch nahe, umgekehrt Kunst mithilfe von Baustellenabsperrband zu machen. Schon bei Blinky Palermo war prinzipiell unentschieden, ob das Küchenhandtuch anbetungswürdiges Ziel oder nur zuhandener Ersatz für anbetungswürdige malerische Geometrie sein sollte.

Entsprechend nutzt Michael Reiter ausgiebig präfabrizierte Dinge aus kunstindifferenten Kontexten: So können beispielsweise gestreifte Regenschirme in seinen Bildern als Substitut gezeichneter Streifen wirken. Oder er erwirbt „Grosgrain Ribbon”, festes, in vielen Farben erhältliches und brillant schimmerndes Textilband am laufenden Meter bei einem US-amerikanischen Händler, um es sowohl für kleinere reliefartige Arbeiten, als auch für raumgreifende Installationen zu verwenden. Die Präferenz orthodox konstruktiver Kunst für schnurgerade Linien und akkurate Umbrüche deckt sich dann mit den ganz alltäglichen Eigenschaften gespannter Bänder (zu denen in der Verwendung durch Beat Zoder z.B. auch das Umwickeln gehören würde).
Für das Wilhelm-Hack-Museum hat Reiter in einem durch flache Treppen gestuften Seitenbereich des Museums eine große Spirale aus farbigen Bändern über den Köpfen der Besucher verspannt. Diese Spirale weitet sich nach oben hin nicht kegel-, sondern eher pyramidenförmig, denn tatsächlich schwebt sie ja nicht, sondern wird über elf Eckpunkte straff aufgespannt. Der Architekturbezug bleibt eher beiläufig, soweit er die Charakteristik umgebender Wände, Decken, Vorsprünge usw. betrifft, denn es geht hierbei zunächst nur um nötige Angelpunkte. Wichtig hingegen sind räumliche Richtungen, die über Stufen versetzten Bodenniveaus, welche der diskontinuierlichen - da vielfach über Eck umbrechenden - Progression der Spirale korrespondieren.
Die parallel geführten Bänder unterschiedlicher Farbe und Breite sind für die Betrachter je nach Position in stets changierender Unter- bzw. Überschneidung rückwärtig verlaufender Windungen zu sehen. Dabei umschreiben sie erstens ein räumliches Gebilde, tun dies aber zweitens in anschaulich zeitlicher Entfaltung der Spiralform und stellen sich drittens flächenprojizierender Sicht als latent bildliche Anmutungen dar. Somit trägt Reiters Spirale einen lebhaften Kompromiß zwischen zwei, drei und vier Dimensionen vor.


Christian Janecke